Pro domo et mundo

Das Märchen vom Arbeitgeberanteil

Von Alfred Ubu

Allenthalben ist die Rede vom Solidaritätsprinzip. Die einen meinen es würde ausgehöhlt, abgebaut; die anderen meinen es würde erhalten, zukunftsicher und gerechter gemacht werden. Merdre – was ist denn da los?

Solidarität
(vom lateinischen solidus für gediegen, echt oder fest) bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer.
[...]
Der Begriff Solidarität wird in vielfältiger Weise verwendet. [...] In der Arbeiterbewegung wurde „Solidarität“ als Tugend der Arbeiterklasse (s. a. Brüderlichkeit) hervorgehoben. Sie hat hier eine ähnliche Bedeutung wie das Wort „Kameradschaft“ beim Militär oder anderswo. [...]

sozial
(von lat. socius‚ gemeinsam, verbunden, verbündet‘) bezeichnet wechselseitige Bezüge als eine Grundbedingtheit des Zusammenlebens, insbesondere des Menschseins (der Mensch als soziales Wesen).
[...]

Soweit Wikipedia (auszugsweise).

Die solidarische Sozialversicherung, so wie wir sie kennen, wird im vorstehenden Sinn und  nach allgemeiner Lesart nicht nur von den Begünstigten, den pflichtversicherten Arbeitnehmern, sondern auch von den Arbeitgebern, die nicht begünstigt sind, anteilig mitgetragen (und bis vor dem 1.07.2005: paritätisch – sehen wir es hier so an, ich will keine Korinthen zählen).

Der Arbeitgeber beteilige sich solidarisch und paritätisch an den Sozialversicherungskosten des Arbeitnehmers? De par ma chandelle verte – wie soll das gehen? Kann das jemals wahr gewesen sein?

Unwidersprochen wird das Lied von den solidarischen Arbeitgebern von ihnen selbst, ihren Verbänden und von der Politik gesungen: Der AG gäbe etwas aus seiner Tasche zu den Sozialkosten des Arbeitnehmers hinzu, etwa im Sinne von: „Dieser Teil ist meins, davon, von meinem Teil also, gebe ich freiwillig etwas zu Gunsten der AN ab, um Euch, liebe Lohn- und Gehaltsempfänger, die ihr pflichtversichert seid, das Tragen der Sozialkosten zu erleichtern – aus sozialer Gesinnung, reiner Nächstenliebe und Solidarität!“ Woher stammt eigentlich dieses Märchen, diese fromme Lüge? Und wieso sind intelligente Menschen jemals auf so eine Schoiße reingefallen? Ubuesque!

Halten wir doch ganz einfach fest, dass ein Arbeitgeber, der bei der Preisfindung für seine Produkte und Leistungen in der Kalkulation Kosten zu berücksichtigen vergisst, ein Arbeitgeber vor der Insolvenz ist – nicht wahr, liebe BWLer, die ihr hier zahlreich mitlest! Auch wenn diese Kosten “Lohnneben …” genannt werden, sie sind Kosten und müssen in der Kalkulation immer berücksichtigt und über den Preis wieder hereingeholt werden. Welchen Anteil an den Sozialkosten trägt also der Arbeitgeber? Zéro, nothing, nada – auf deutsch: Null!

Aus dem Nähkästchen: Der Verfasser hat 25 Jahre (ein Vierteljahrhundert) als Unternehmer Personalverantwortung getragen. Was sind also die Überlegungen, die bei Personalbedarf angestellt werden? Ganz einfach: Unter Berücksichtigung des Entlohnungsgefüges im Unternehmen – welches natürlich im Einklang mit den üblichen Tarifwerken steht (kaufmännisch/gewerblich/Branche) und einem “marktüblichen Entgelt” für diesen einen Job, den es zu besetzen gilt, entspricht, ergibt sich z. B. die Zahl 20.400 Euro p. a. Eingestellt wird ein weiterer Mitarbeiter aber nur, wenn die zu erwartende Wertschöpfung aus dessen Tätigkeit mindestens 24.000 Euro p. a. erwarten läßt. Tritt diese Erwartung absehbar nicht ein, löst das Ende der Probezeit das Problem auf elegante Weise … ;-) Und es ist dem AG egal, in wie viele Teile er das Jahres-Arbeitsentgelt zerschneiden soll, in ein vor Brutto Abgezogenes und ein danach Abzuziehendes, in 12, 13 oder 14 Teile (mit/ohne Weihnachts-/Urlaubsgeld) wie es halt gewünscht wird bzw. branchenüblich ist. Und diese 20.400 Euro zuzüglich aller Lohnnebenkosten – also ca. 24.000 Euro – berücksichtigt der AG in seiner Kalkulation …

Nebenbei, deshalb gilt auch ganz selbstverständlich: Weil die AG nie einen solidarischen Beitrag geleistet haben und leisten werden stellt jede Senkung der „Lohnnebenkosten“ nichts anderes als eine lupenreine Lohnkürzung dar! Merdre – schöner Euphemismus!

Es wäre etwas anderes, wenn das volle Arbeitsentgelt an den Mitarbeiter ausgezahlt werden würde. Der müsste dann selbst die vollen Sozialversicherungsbeiträge zahlen und hätte auch ein besseres Gespür für die Kosten seiner Sozialversicherung und seiner Solidarität mit Kollegen und Familien!

Schoiße – das wäre vielleicht doch etwas zuviel Transparenz für die arbeitenden Menschen, zuwenig Versteckspiel für die Arbeitgeber, ihre Verbände und die classe politique? De par ma chandelle verte – révolution? Les travailleurs et les employés aux barricades? Ende mit frommen Lügen?!

[au]

Nachtrag: Und woher stammt das Märchen von den solidarischen, paritätischen Arbeitgeberwohltaten: Ich habe nichts gefunden. Lüge, Manipulation und großflächiges Verscheissern haben wohl schon mit Bismarck begonnen!

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In Soziales, Wirtschaft on 19. Januar 2010 at 23:08

  1. @au
    Das hast Du sehr gut, weil unmißverständlich, erklärt.
    Umgekehrt wird ein Schuh draus: diese “Lohnnebenkosten” sind schlicht Lohnbestandteile, an dessen Tafel man sich recht frei bedient.
    Mehr von diesen basics!
    Das wird schon seinen Grund haben, wenn an den Schulen aller möglicher Mist als Selektionsmaterial gerade recht kommt, aber die Grundrechnungsarten des Geschäfts im Lehrplan nichts zu suchen haben.
    Beste Grüße
    Christian

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    • Bonjour, Christian.
      Chapeau, gut erkannt. Und:

      Das wird schon seinen Grund haben, wenn an den Schulen aller möglicher Mist als Selektionsmaterial gerade recht kommt, aber die Grundrechnungsarten des Geschäfts im Lehrplan nichts zu suchen haben.

      Basics an Schulen? Mon Dieu, es-tu fou? Dann lassen sich die enfants am Ende nicht mehr mit Handy- und sonstigen Verträgen über den Tisch ziehen. Da kannst Du nur: Merdre sagen, n’est-ce pas?! Frank, hast Du da nicht einen Fachmann zur Hand, für Schule et cetera?

      Salut
      Alfred

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  2. [...] usw.), das hatten wir ja bereits herausgearbeitet (von wegen Solidarität siehe hier). Schauen wir uns heute die staatlichen Rentenversicherung etwas näher an und was die [...]