Es ist nur die Provinz, aber die Hybris hebt auch hier ihr Haupt
Wer unter der hochverehrten Leserschaft weiß, wo, jenseits der Sahara, ein Ort namens “Datteln” existieren könnte? Wer ahnt, welche Funktion, außer Obermeßdiener im Sauerland, ein Menschenkind ausüben kann, das den Namen “Hubertus Schmoldt” zu tragen gezwungen ist? Und kann man sich eine Welt vorstellen, auf der jemand mit dem Namen “Frank Baranowski” mehr Verantwortung als diejenige für eine gepachtete Pommesbude tragen könnte?
Wer immer diese drei Fragen korrekt beantworten kann, kommt vermutlich aus dem Ruhrgebiet, genauer gesagt aus Gelsenkirchen, und ist entweder ein Traditionalist oder ein Vertreter der so selten gewordenen Spezies der Bergleute. Datteln ist nämlich ein relativ kleiner Ort am Nordrand des Kohlenpotts, Schmoldt leitet die IG Bergbau, Chemie, Energie und Baranowski ist Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen, was an sich noch nicht unbedingt als persönlicher Erfolg zu werten ist, weil es wirklich angenehmere Jobs auch in dieser, von Arbeitslosigkeit gebeutelten Region gibt. Aber Baranowski ist schon seit mehr als drei Wochen in seiner Tätigkeit als Stadtrepräsentant unfallfrei geblieben, und das hat ihn schon vor einiger Zeit in den Augen der letzten SPD-Mitglieder in der ehemaligen Sozihochburg “Ruhrrevier” dazu qualifiziert, auch als Vorsitzender der Ruhrgebiets-SPD zu fungieren.
Was nun bringt die drei oben erfragten Namen in einen aktuellen Zusammenhang? Die Empörung! Jawollja! Es ist aber auch wirklich nicht zu glauben. Da geht einer der unbestrittenen Herrscher des Ruhrgebiets (nein, nicht die Arbeiterwohlfahrt), nämlich die E-ON her und beschließt in ihrer unauslotbaren Güte, den Menschen, die man früher, als man noch als VEBA,VIAG und Ruhrgas getrennt marschierte, aber auch schon damals gemeinsam regierte, mit den lebensgefährlichen Jobs in der heimischen Energiegewinnung und -verarbeitung ruhig hielt, dass man diesen Menschen nunmehr in Datteln ein gigantisches Steinkohlekraftwerk, das größte seiner Art, in die geschundene Landschaft platzieren möchte. Natürlich knallten bei Bekanntwerden dieses Beschlusses bei allen Kommunal- und Regionalpolitikern umgehend die Sektkorken, denn eine solche Rieseninvestition verschleiert schnell einmal den Blick dafür, dass die Zahl der zu schaffenden Arbeitsplätze nicht eben aufregend hoch ist und dass es angesichts der nur noch jämmerlich wenigen Tonnen Kohle, die die ebenso wenigen “Referenzbergwerke” der Ruhrkohle AG zu Tage fördern, vollkommen ausgeschlossen ist, dieses Kraftwerk mit heimischer Kohle zu befeuern und so eventuell eine Renaissance des Energieträgers von Emscher und Ruhr herbei zu führen.
Leider war der Blick aller Beteiligten auch für den Umstand getrübt, dass man bei den Planungen für den Betongiganten übersehen hatte, dass das nördliche Ruhrgebiet etwas dichter besiedelt ist als die sibirische Taiga, und dass die deutschen Verwaltungsgesetze darüber hinaus etwas schärfere Bestimmungen zu den Rechten von Anwohnern auf ein beeinträchtigungsfreies Leben haben, als die in der Taiga für die Ewenken gültigen Bestimmungen der Russischen Föderation. So kam es, dass E-ON in alter Gutsherrenmanier schon mal mit dem Bau begann, obwohl das Bebauungsplanverfahren juristischen Widerspruch einer Anwohnerfamilie namens Greiwing hervorrief. Nunmehr ist der Komplex knapp zur Hälfte fertig, und seit Freitag weiß die ganze Welt, dass er nie in Betrieb gehen wird. An diesem Tag nämlich entschied das Oberverwaltungsgericht Münster letztinstanzlich, dass eben der Bebauungsplan nicht den Gesetzen dieses Landes entspräche und hob ihn schlicht, einfach und konsequent auf.
Man sollte natürlich vermuten, dass die E-ON seitdem als ertappter Riesenumweltsünder in wiederholtem Falle in Sack und Asche geht, die örtliche Politik sofort auf Distanz zu den gierigen Kapitalisten geht und die Unabhängigkeit deutscher Gerichte preist, und dass natürlich die Medien nichts Wichtigeres zu vermelden finden, als die großartige Nachricht von der sauberen Umwelt, die endlich auch in dieser, so lange vernachlässigten Region den ihr gebührenden hohen Stellenwert eingeräumt bekommt. Ein Beispiel für funktionierenden Staat sozusagen.
Nur – nichts davon ist eingetreten. E-ON baut weiter, unbeeindruckt wie ein ostelbischer Landjunker, der sich in seinem Beritt den höchsten Richter dünkt, die Politik, allen voran die für die Genehmigung seinerzeit federführend verantwortliche SPD, betreibt nicht nur Richterschelte, sondern hetzt unter der Maxime: “Als wenn datt unsern Leuten hier noch watt ausmachen täte, hömma!” das “gesunde Volksempfinden” unseligen Angedenkens auf die Münsteraner Robenträger. All’ diese – vorsichtig gesprochen – sehr nahe an der Straftatsgrenze einherflanierenden Emanationen der Unredlichkeit und der ungesunden Kumpanei werden beifällig von den örtlichen Meinungsträgern, hier natürlich besonders von der alles überschattenden Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), medial und beifällig begleitet. Da wird auf der ersten Seite der Samstagsausgabe die Empörung der Ruhrgebiets-SPD beschworen, als wenn die Magenschmerzen einer lokalen Parteigliederung wirklich noch so wichtig wären, wie sie einst im “Neuen Deutschland” genommen wurden, wo jede Briefaktion von Schkopauer Thälmann-Pionieren zu einem der wichtigsten Schritte auf dem Wege des unabwendbaren Sieges des Sozialismus hochstilisiert wurde. Auf Seite 2 gilt der erste Kommentar diesem Thema, und auch wenn Herr Stenglein am Thema vorbei schreibt, wird hier wieder ein Schritt auf dem Wege der unaufhaltsamen Akquise weiterer E-ON-Anzeigen für die notleidende Zeitung offenbar. Auf der dritten Seite folgt dann im “Schwerpunkt” eine “human-interest-story”, aus der klar hervorgeht, dass trotz täglicher WAZ-Lektüre der durchschnittliche Dattelner Bürger immer noch nicht den Hauch vom Schimmer einer blassen Ahnung davon hat, welche Gesundheits- und Umweltrisiken eine solche Steinkohleverstromungsanlage hat. Außerdem wird hier ein Interview mit dem umtriebigen Pommesbudenbesitzer SPD-Apparatschik Baranowski präsentiert, dessem intellektuellen Horizont dadurch Rechnung getragen wird, dass nur drei Fragen gestellt werden, die alle drei so vorhersagbar beantwortet werden konnten, dass selbst in aller Eile hier kein E-ON-kritischer Ausrutscher möglich war. (Die Möglichkeit, dass vielleicht mit der klugen Selbstbeschränkung des Fragenden dem intellektuellen Horizont der WAZ- Leser Rechnung getragen werden sollte, will ich hier nicht gänzlich ausschließen, vor allem, um keine Beleidigungsklage mit Fettflecken ins Haus geflattert zu bekommen.)
Was, zum Teufel, ist denn hier los? Haben die – im doppelten Sinn des Wortes – Herrschaften im Kohlenpott es schon gar nicht mehr nötig, ihre Selbstüberhebung, ihre schmutzigen Kungeleien, die Arroganz ihrer vereinigten Macht noch in irgendeiner Weise zu verstecken, und glaubt die größte Tageszeitungsgruppe der Bundesrepublik nun ausgerechnet in dieser Sache ihre schmutzigen Fahne heben zu müssen, um damit zu demonstrieren, dass auch sie zum Konglomerat der Böswilligen gehört? Nein, WAZ, das ist nicht nötig! Jeder, der mehr als ein Abonnementsjahr unter deiner Zeitungsherrschaft gelebt, weiß, dass du nicht nur dumm, sondern auch wetterwendisch bist; davon musst du niemanden mehr überzeugen.
Und ihr Anderen, all’ ihr Bernotats und Baranowskis, ihr Sieraus und Schmoldts, ihr kleinen und großen Hinterzimmer-geschäftemacher, Geldwäscher und Hochkorruptionisten – ihr betreibt mit solchen Dreistigkeiten zum Glück vor allem das Geschäft aller Wohlmeinenden, die immer und immer wieder versuchen und versuchen werden, für eine andere Politik einzutreten. Wenn man euch als Gegner hat, dann muss man zwar gegen gut gefüllte Kriegskassen kämpfen, aber wenigstens muss man nicht mehr begründen, warum es so nicht weitergehen kann. Jeder kann es bei jedem Blick in die Zeitung sehen.
[ak]






[...] siehe auch: Grüne Datteln Blog “hanniballektor” [...]